Wie ein Passagierdampfer aus Papenburg in Afrika Filmkarriere machte

Es ist heute kaum mehr vorstellbar, was der MEYER WERFT im Jahr 1913 gelang: Verpackt in Hunderte von Kisten trat damals der Passagierdampfer Graf Goetzen den Weg von Papenburg nach Daressalam an, quer durch Tansania bis zum Tanganjikasee mitten in Ostafrika.

Auf den ersten Blick schien die Welt im Jahre 1913 noch in Ordnung zu sein. Die Wirtschaft florierte, die Kaisertochter Viktoria Luise feierte Hochzeit und noch immer machten sich Deutsche auf den Weg, um in den Kolonien in Afrika ihr Glück zu suchen. Diese Gebiete, erst seit 1884 unter deutscher Schutzhoheit, waren bereits 1913 Anlass für diplomatische

Auseinandersetzungen zwischen England und dem Kaiserreich. Angeblich zum Schutz der Kolonialtruppen wurde die Marineflotte in Deutschland verstärkt. Die Proteste der Engländer ignorierte der Kaiser. Kaum ein Mensch konnte ahnen, dass binnen eines Jahres die ganze Welt im Krieg liegen würde.

Auch in Papenburg lief 1913 das Leben seinen geregelten Gang. Mit der Baunummer 300 war auf der MEYER WERFT erneut ein Auftrag des Auswärtigen Amtes, Kolonialabtheilung, eingegangen. Der Neubau sollte den Namen Graf Goetzen tragen und war für den Passagierverkehr auf dem Tanganjikasee in Ostafrika vorgesehen. Bereits in den Jahren zuvor hatte sich die MEYER WERFT einen guten Ruf beim Bau von extrem flachgehenden Schiffen erworben, die speziell für die oft sehr seichten afrikanischen Flüsse entwickelt worden waren.

Um die Graf Goetzen nach Afrika zu transportieren, hatten sich die Papenburger etwas Besonderes ausgedacht. Das Schiff wurde zunächst in Papenburg zur Probe zusammengebaut, anschließend wieder in Hunderte von Einzelteilen zerlegt, in wasserdichte Kisten verpackt und per Schiff nach Ostafrika geschickt. Von der Hafenstadt Daressalam ging es dann auf dem Landweg quer durch Ostafrika bis zum Tanganjikasee. Diese Weltreise stand auch einigen Papenburgern bevor: Die MEYER WERFT sandte eine Gruppe von Arbeitern und Meistern an den Tanganjikasee, die das Schiff an Ort und Stelle zusammenbauen sollten.

Den Papenburgern gelang das damals technisch und logistisch fast Unmögliche: Trotz widriger Umstände - mal fehlten die Deckschrauben, dann die Facharbeiter -schafften es die Männer um Meister Rüter, das Schiff zusammenzusetzen. Doch dann brach der Erste Weltkrieg aus. 1917 näherten sich englische Truppen dem Tanganjikasee. Damit ihnen die Graf Goetzen nicht in die Hände fiel, mussten die Papenburger das Schiff versenken vorher jedoch fetteten sie die Maschinenteile sorgfältig ein. Später gerieten die Deutschen in Gefangenschaft und wurden bis 1920 in einem Lager interniert.

Dank der Weitsicht der Papenburger nahm die Graf Goetzen kaum Schaden. Sie konnte nach dem Krieg gehoben und unter dem Namen Liemba wieder dem Verkehr übergeben werden. 1951 wurde das Schiff über Nacht berühmt: Zusammen mit Katherine Hepburn und Humphrey Bogart spielt die Graf Goetzen eine wichtige Rolle in dem Film "African Queen", Der friedliche Passagierdampfer ist dort die kanonenbewehrte Luisa, die - wie alle Bösen - am Ende untergehen muss.

Aber nur im Kino. In Wirklichkeit wurde das Schiff vor einigen Jahren generalüberholt Die Liemba kennt am Tanganjikasee jeder, denn noch heute dreht die ehemalige Graf Goetzen täglich ihre Runden...